Veröffentlicht inFamilie, Kind & Familie

Make-up- und Beautywahn bei jungen Mädchen: Ist das noch Spaß oder gefährlich?

Drei Mädchen zwischen 10 und 12 Jahren schminken sich vor einer rosa Wand.
© AdobeStock/ be free

Wenn Kinder Beauty-Influencer*in werden wollen

Der bedenkliche Trend auf Social Media

Gesichtsmasken, Augenpads und Peelings, schon Kinder von gerade 8, 9 oder 10 Jahren kaufen diese und anderen Beauty-Produkte in der Drogerie. Warum das gar nicht so ungefährlich ist, wie man glauben möchte, liest du hier.

Kennst du den Begriff „Sephora Kids“? Er bezieht sich auf junge Kinder, vornehmlich Mädchen, die gerade 8, 9, 10 oder 11 Jahre alt sind, im Laden der französischen Luxusmarke Sephora aber Make-up und Kosmetikprodukte kaufen, als würden sie demnächst eine Bühnenshow mit mindestens 20 Personen als Make-up-Artist begleiten.

Das sind jene Kinder, die gerade erst die Grundschule verlassen haben und trotzdem schon ihren eigenen Beauty-Kanal bei TikTok oder Instagram pflegen. Die vor laufenden Kameras ihr Gesicht mit teurer Luxuscreme hydrieren, bevor sie es mit weiteren Markenprodukten contouren und schminken und nebenbei die Bruchrechnung lernen.

Auch meine Tochter, gerade erst 11 Jahre alt, kennt diese ultra jungen Skinfluencer (zusammengesetzt aus dem englischen Wort skin, für Haut und Influencer). Und möchte ihnen am liebsten nacheifern. Plötzlich müssen beim Einkauf im Drogeriemarkt Augenpads gekauft werden. Einen Puderpinsel braucht sie auch und ach ja, natürlich Puder, Rouge und Mascara. Mizellenwasser zum Abschminken hat ihr Oma letztens schon gekauft. Ginge es nach meiner Tochter, würde sie demnächst nicht nur „Skinfluencerin“ mit ihren Freundinnen ’spielen‘, sondern einen eigenen Social-Media-Kanal als solche bespielen.

Ich bin froh, dass sie ganz offiziell zu jung ist für so einen öffentlichen Kanal und akzeptiert, dass das so ist. Und ich finde es auch erst mal nicht schlimm, dass sie sich für Make-up und Hautpflege interessiert. Aber bis zu welchem Punkt? Was macht das mit ihr und anderen Jungs und Mädchen in ihrem Alter (und jünger), wenn das Äußere (schon) so sehr im Mittelpunkt steht? Und wie reagiert die Haut in so jungen Jahren auf zum Teil hoch dosierte Inhaltsstoffe?

Alles andere als ein harmloser Spaß

Eigentlich gib es gleich mehrere Probleme mit Skinfluencern und damit, dass Kinder wie meine Tochter ihnen nacheifern wollen. Zum einen probieren sie oft hochpreisige Kosmetikprodukte vor der Kamera aus. Was sie sich als Influencer leisten können, weil sie entweder Testprodukte zugeschickt bekommen oder und manchmal auch zusätzlich, für das kamerataugliche Ausprobieren bezahlt werden, reißt ein großes Loch in das Portemonnaie ihrer Fans oder deren Eltern. Hautcreme für 70 Euro, Puderpinsel für mindestens 25 Euro und Lippenstift von Luxusmarken lassen mir nichts, dir nichts dreistellige Beträge zusammenkommen.

Denn so, und das ist die Kernaufgabe der Skinfluencer beim Promoten von Kosmetikprodukten, machen sie ihre (vornehmlich jungen) Zuschauer*innen glauben, dass diese hochpreisigen Produkte ganz besonders gut sind. In subjektiven Tests bewerten sie, was das Zeug hält und küren Gewinner, die jeder unbedingt mal selbst testen muss.

So entsteht schnell der Eindruck bei jungen Kindern, dass sie eben diese teuren Kosmetikprodukte brauchen und nicht irgendwelche, um das Beste aus sich und ihrer Haut herauszuholen.

Besonders problematisch ist jedoch, wie sich Skinfluencer jeder Altersgruppe präsentieren. Ihre Videos drehen sich einzig und alleine um ihr Aussehen und darum, es noch besser, noch glatter und makelloser zu machen. Das hinterlässt Spuren bei den vornehmlich jungen Mädchen. Es entsteht der Eindruck, schön ist nur, wer ausreichend für sein Aussehen tut. Das nagt an der Selbstwahrnehmung, denn niemand sieht im realen Leben so aus, wie es uns ein Video bei Youtube oder TikTok glauben machen will. Darunter leidet das Selbstbewusstsein. Ganz zu schweigen von dem klischeehaften Rollenbild, das Schmink- und Beautypflegevideos transportieren.

Übertriebene Hautpflege

Sich um sich und seine Haut zu kümmern, ist nicht verkehrt. Was junge Mädchen und Jungen aber machen, wenn sie den Pflege- und Schminkroutinen ihrer Youtube-, Insta- und TikTok-Stars folgen, ist zu viel. Markenmanagement-Professor Karsten Kilian von der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt sagt im Interview mit dem Tagesspiegel dazu: „Auch in Deutschland greifen immer jüngere Mädchen zu Produkten, die sie zum einen nicht brauchen und die zum anderen nicht für sie gemacht wurden“.

Kerstin Etzenbach-Effers von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen äußert sich besonders besorgt zu den Inhaltsstoffen diverser Kosmetikprodukte. Retinol, Fruchtsäuren oder Vitamin C sind nicht für die junge Haut geeignet und können Hautreizungen, Entzündungen und Ekzeme verursachen. Aufgrund der schwächeren Hautbarriere von Kindern und ihrem noch nicht voll ausgebildeten Immunsystem wird die Haut „besonders anfällig für äußere Reizstoffe, Umweltfaktoren und Allergene“. Möglich sei sogar, dass Inhaltsstoffe aus Anti-Aging-Cremes den Hormonhaushalt junger Nutzer*innen stören.

Was Eltern tun können

Dass Mädchen und auch Jungs von Schminke und Co. fasziniert sind, ist nicht das Problem und auch nicht neu. Doch die Art und Weise hat sich verändert. Statt ihre Puppen zu schminken, ihnen die Haare zu machen und sie zu stylen, wollen Mädchen zwischen 8 und 12 Jahren jetzt sich und ihre Freund*innen schminken und stylen, Videos davon machen und Anerkennung für ihre Fähigkeiten und Looks erhalten.

Deshalb ist es wichtig, dass Eltern das Interesse ihres Kindes ernst nehmen und ihm dabei helfen, gewisse Dinge zu verstehen und richtig einzuordnen. Das bedeutet zum Beispiel, mit ihm darüber zu sprechen, dass es okay ist, sich auszuprobieren und zu experimentieren. Dass das aber bitte im kleinen Rahmen und am besten gar nicht öffentlich stattfindet.

Erklärt, dass die, die in ihren Videos Kosmetika vorstellen und Schminktutorials machen, dafür bezahlt werden. Dass sie Geld dafür bekommen, Produkt XY besonders positiv vorzustellen. Testet vielleicht gemeinsam mal das ein oder andere Produkt aus und zeigt eurem Kind, dass hinter der vermeintlichen Wunderwirkung eines Produkts nichts als heiße Luft steckt.

Und ganz wichtig: Sprecht darüber, dass Schönheit nicht bedeutet, sich bis zur Unkenntlichkeit zu schminken oder die Haut mit unzähligen Pflegeprodukten vermeintlich schön zu pflegen. Macht deutlich, dass jeder Mensch, so wie er ist, schon schön ist.

Weitere Themen: