Meine Tochter (11) wollte unbedingt Gitarre spielen lernen. So sehr, dass sie sich von ihrem eigenen Geld eine Gitarre gekauft hat, noch bevor wir überhaupt über Musikunterricht gesprochen hatten. Der war schnell gefunden und meine Tochter happy. Und jetzt, ein gutes halbes Jahr später, hat sie keine Lust mehr. Die Musikstunden sind aber noch bis Ende Juni bezahlt. Wie reagiert man da?
Zwingen möchte ich mein Kind nicht, die verbleibenden Stunden gegen ihren Willen beenden zu müssen. Auf der anderen Seite empfinde ich die bereits bezahlten Stunden auch als herausgeworfenes Geld, wenn ich sie einfach abbrechen lasse. Was ist also der pädagogisch beste Weg?
Dafür fragt man am besten eine*n Pädagog*in. Wie gut, dass ich einen ehemaligen Lehrer in der eigenen Familie habe. Zwar arbeitet mein Vater schon eine Weile nicht mehr in seinem Beruf, das Problem ‚(Musik)Schüler will seinen Unterricht/ sein Hobby abbrechen‘, ist aber kein neues. Seitdem Kinder Musikschulen besuchen und Instrumente lernen (müssen, sollen, dürfen), gibt es Kinder, die früher oder später keine Lust mehr auf das ausgesuchte Instrument haben. Was also tut man in einer solchen Situation?
Gespräch suchen und Gefühle anerkennen
An allererster Stelle steht zuhören. Das gilt für Eltern eigentlich immer, wenn das Kind etwas auf dem Herzen hat. Man sollte sich Zeit nehmen, um herauszufinden, warum es keine Lust mehr auf, z. B. den Gitarrenunterricht hat. Vielleicht gibt es spezifische Gründe? Eventuell ist der Unterricht zu anstrengend, zu langweilig oder das Kind hat gar keine Lust mehr auf die eine Sache und würde lieber eine andere ausprobieren. Gibt man seinem Kind die Möglichkeit, sich in Ruhe auszudrücken, fühlt es sich ernst genommen und nicht bevormundet.
Auch wenn meine Tochter ihr Interesse verloren hat, ist es wichtig, ihre Gefühle zu akzeptieren und nicht sofort zu urteilen. Der Entschluss, keine Gitarrenstunden mehr nehmen zu wollen, muss nicht als Fehlentscheidung betrachtet werden. Es kann einfach ein Zeichen dafür sein, dass sie sich weiterentwickelt hat und sich andere Interessen entwickelt haben.
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Verpflichtung und Verantwortung thematisieren
Verträge wie unserer mit der Musikschule sind oft zum Quartal oder mit 3-monatiger Frist kündbar. So sichert sich die Musikschule ab, dass ihr nicht die Schüler*innen nach Lust und Laune abhandenkommen und sie Planungssicherheit hat. Auch in vielen Sportvereinen wird das so gehandhabt. Das kollidiert jedoch mit dem Verlangen von Kindern, die gerne sofort damit aufhören möchten, denn es macht ja jetzt keinen Spaß mehr.
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Hier sollte man als Eltern an das Verantwortungsbewusstsein des Kindes appellieren. Für unser Beispiel heißt das, es war der Wunsch unserer Tochter, den Musikunterricht zu starten und nun ist es ihre Verpflichtung und Verantwortung, ihn zu beenden, zu den gegeben Bedingungen. Es geht wirklich nicht darum, sie jetzt zu den Unterrichtsstunden zu zwingen. Sie ist aber alt genug, verstehen zu können, dass sie nicht von jetzt auf gleich aufhören kann.
Alternativen anbieten
Damit unserer Tochter die verbleibenden Stunden nicht wie eine unendliche Last vorkommen, suchen wir aktuell nach Möglichkeiten, das Instrument oder das Lernen anders zu gestalten, ohne den Unterricht vor Ablauf der Kündigungsfrist abzubrechen. Dabei hilft auch ihr Musiklehrer, der natürlich auch möchte, dass seine Schüler*innen gerne kommen und es nicht als Strafe empfinden.
Vielleicht also findet unsere Tochter das Gitarrenspiel in einer neuen Form für die verbleibende Zeit wieder spannend, z. B. weil sie noch ein besonderes Lied lernen oder die bereits erlangte Technik verbessern kann.
Werte wie Durchhaltevermögen und Flexibilität fördern
Egal wie motiviert Kinder zu Beginn eines neuen Hobbys sind, es kommt der Tag, da stoßen sie auf Widerstand. Entweder, weil es in ihrem Lernprozess gerade stockt oder eben, weil das Interesse für etwas verloren gegangen ist. In beiden Fällen ist vom Kind Durchhaltevermögen gefragt.
Das allein ist eine wichtige Lektion. Im Leben kann und sollte man nicht alles sofort hinschmeißen, sondern Dinge auch zu Ende zu bringen. Entweder also weiterzumachen und den Punkt überschreiten, an dem man gerade festhängt. Oder, wie in unserem Fall, den Vertrag bis zum Ende zu nutzen.
Erfolg und der Stolz über das Geleistete winkt in beiden Fällen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Kinder müssen lernen, dass man manchmal auch die Zähne zusammenbeißen muss, um an sein Ziel zu gelangen.
Zudem lernen sie, dass man manchmal Dinge ausprobiert und merkt, dass sie einem nicht mehr gefallen. Das ist ebenfalls ein wertvoller Lernprozess.
Das Kind bei der Suche nach sich selbst unterstützen
Wichtig ist immer, seinem Kind zu zeigen, dass es in Ordnung ist, dass sich Interessen und Prioritäten ändern. Kinder wollen vieles ausprobieren und sich immer wieder neu entdecken. Das ist etwas Positives, das man unbedingt fördern und nicht unterbinden sollte.
Es gilt, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Verantwortung und Flexibilität zu finden. Kinder brauchen oft noch Hilfe, Entscheidung zu reflektieren und die Konsequenzen zu verstehen. Man sollte sie deshalb aber nie zwingen, etwas zu tun. Stattdessen sollten wir sie wissen lassen, dass wir ihre Entscheidung respektieren und gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, die sie sich weiterentwickeln lassen.
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